Alka Saraogi

Zur Person

Alka Saraogi Alka Saraogi Foto: privat

Alka Saraogi wurde am 17. November 1960 in Kalkutta geboren und lebt bis heute dort. Ihre Familie gehört zur Gemeinschaft der Marwari, die ursprünglich aus Rajasthan stammten und vor dem Ersten Weltkrieg nach Kalkutta übersiedelten. Die Marwari sprechen bis heute eine eigene Sprache, einen Dialekt des Rajasthani, im Alltag wird vorwiegend Hindi verwendet. Alka Saraogi schreibt auf Hindi, eine bewusste Entscheidung, denn sie beherrscht auch Marwari, Englisch und Bengali.

Im Alter von zwanzig Jahren heiratete sie Mahesh Kumar Saraogi. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. Seit ihrer frühen Kindheit liebt Alka Saraogi es, zu lesen und Wissen zu erwerben; sie war eine engagierte Schülerin und Studentin, die bereits vor ihrer Heirat ihre Ausbildung mit dem B.A.-Titel abschloss und schon früh stark an Literatur interessiert war. Erst 1988 jedoch löste sie sich mit Unterstützung ihres Mannes von den konservativen Strukturen ihrer Umgebung, indem sie ihre Studien wiederaufnahm. An der University of Calcutta erwarb sie den Master- und den Doktortitel in Hindi Literature, ihre Doktorarbeit schrieb sie über die Dichtung des Hindi-Autors Raghuvir Sahay. Einem Gedicht Raghuvir Sahays entstammt auch der Titel ihrer ersten, 1991 veröffentlichten Kurzgeschichte: Āp kī haṁsī. Sie erwarb darüber hinaus ein Diplom in Journalismus und schrieb Zeitungsartikel über Gesundheits- und Frauenfragen.

Doch es dauerte nicht lange, bis Alka Saraogi sich den Ruf einer führenden Vertreterin der modernen Hindi-Literatur erworben hatte. Mittlerweile hat sie acht Romane veröffentlicht, von denen einige in mehrere europäische (Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Tschechisch, Deutsch) und indische Sprachen übersetzt wurden. 2001 wurde ihr für ihren Roman Kalikathā via Bypass der hochangesehene Sahitya Akademi Award für Hindi-Literatur verliehen, als bis dahin jüngster und erster weiblicher Preisträgerin nach Krishna Sobti. Daneben erhielt sie eine Reihe weiterer Preise: 1998 Srikant Verma Award, 2006 Bihari Puraskar der K. K. Birla Foundation, 2015 Indu Sharma Katha International Award, 2021 Kalinga Literary Festival Hindi Book of the Year Award, 2021 Valley of Words Award, 2022 Dayawati Modi Stree Shakti Samman, 2023 Fakir Mohan Senapati National Literary Award.

2002 gab sie an der Università Ca' Foscari di Venezia einen Kurs über das Verhältnis zwischen Hindi- und Bengali-Literatur. Sie nahm an zahlreichen Literaturfestivals in Indien, Frankreich, Italien, Großbritannien, Norwegen und Mauritius teil. 2006 stellte Alka Saraogi auf der Frankfurter Buchmesse ihren Roman Umweg nach Kalkutta vor. 2024 wurde sie zum internationalen Literaturfestival Heidelberg feeLit eingeladen.

Alka Saraogi übersetzte ihre Romane Kalikathā via Bypass und Śeṣ Kādaṃbarī selbst ins Englische. Sie übersetzte zahlreiche Kurzgeschichten aus dem Bengali für Amazon Audible. 2022 erschien unter dem Titel Terah Halafnāme („Dreizehn eidesstattliche Erklärungen“, Vani Prakashan) eine Anthologie von Erzählungen von Frauen aus ganz Indien, die von Alka Saraogi aus dem Englischen, aus dem Bengali und Urdu übersetzt wurden.

Das literarische Werk

Romane:

  • Kalikathā via Bypass (1998), deutsch: Umweg nach Kalkutta
  • Śeṣ Kādambarī (2002)
  • Koī bāt nahīṁ (2004)
  • Ek break ke bād (2008)
  • Jānkīdās Tejpāl Mansion (2015)
  • Ek saccī jhūṭhī Gāthā (2018)
  • Kulbhūṣaṇ kā nām darj kījie (2020), deutsch: Entwurzelt
  • Gāndhī aur Sarlādevī Caudharānī (2023)

Sammlungen von Kurzgeschichten:

  • Kahānī kī talāś meṁ („Auf der Suche nach der Geschichte“, 1996)
  • Dūsrī Kahānī (2000)

Themen und Stil

Alka Saraogis literarisches Schaffen begann im Anschluss an ihre akademische Ausbildung mit Kurzgeschichten, die Raum boten, um mit Sprache und Form zu experimentieren. Die Inspiration für ihr kreatives Schreiben bezieht sie aus ihrem scharfen Blick auf ihre Umgebung; zum historisch-sozialen Hintergrund ihrer Romane betreibt sie umfangreiche Recherchen durch persönliche Kontakte ebenso wie in Bibliotheken und Archiven.

Ihre nicht selten stark selbstreflexiven Romane handeln von der Geschichtlichkeit des Menschen und von der vom Menschen gemachten Geschichte. Immer wieder geht es um das Ineinander von Gegenwart und Vergangenheit, um die Erforschung von Identität, um Verdrängung und Neufindung aus einer historischen Perspektive. Das Schicksal von Marwari-Familien in der bengalischen Diaspora, die Teilung Bengalens und die politische Entwicklung Indiens, Migration, Entfremdung, sozialer Wandel, die patriarchale Gesellschaft in einer kapitalistischen Welt, die Rolle des Schriftstellers und insbesondere der Schriftstellerin – all das verwebt sie zu einzigartigen Erzählungen in ihrem in jedem Werk wieder wechselnden, aber stets unverkennbaren Schreibstil, in dem sich die Genres vermischen und altindische Mythen mit moderner Erzähltechnik zusammenkommen.

Der mit dem Preis der Sahitya Akademi ausgezeichnete Roman Umweg nach Kalkutta setzt mit dem 50. Jahrestag der Unabhängigkeit Indiens ein. Kishor Babu jedoch blickt in die Vergangenheit: die Zeit der Unabhängigkeitsbewegung und noch früher bis ins 19. Jahrhundert, als Kalkutta Hauptstadt des britischen Kolonialreiches war. Er streift durch die Straßen und Gassen von Kalkutta, liest alte Tagebücher und wird in den Augen seiner Angehörigen zunehmend zum Sonderling, während als wahre Protagonistin des Romans mehr und mehr die Stadt Kalkutta selbst hervortritt.

Kulbhushan, der Protagonist von Entwurzelt (Kulbhūṣaṇ kā nām darj kījie), ist ein Migrant aus Ostbengalen, dem es nur teilweise gelingt, in einer veränderten Umgebung Fuß zu fassen. Sein Pendant auf der ostbengalischen, seit der Teilung des Subkontinents ostpakistanischen Seite ist der Wäscher und Rikschafahrer Shyama, der sich dem Kampf für die Gründung eines unabhängigen Staates Bangladesch verschreibt. Beide Männer verbinden ihre Freundschaft und die Liebe zu einer Frau. Der vielschichtige Roman erzählt vom Verlust der Heimat und den Schwierigkeiten der Menschen, die nach der Unabhängigkeit Indiens aus Ostbengalen fliehen mussten, von Verzweiflung und Mut, von Herzlosigkeit und Elend, von Großmut und selbstloser Liebe.

Almuth Degener

Auf Deutsch erschienen

  • Umweg nach Kalkutta. Roman. Insel-Verlag, Frankfurt am Main/Leipzig 2006, ISBN 3-458-17313-7. Übersetzt von Margot Gatzlaff-Hälsig.
  • Tod eines Baumes. Erzählung. Übersetzt von Monika Horstmann. In: Ulrike Stark (Hg.): Mauern und Fenster. Neue Erzählungen aus Indien. Draupadi Verlag, Heidelberg 2006, ISBN 978-3-937603-10-0.
  • Entwurzelt. Roman. Draupadi Verlag, Heidelberg 2024, ISBN 978-3-945191-85-9. Übersetzt von Almuth Degener.

Leseprobe

Rezension: Claudia Kramatschek über „Entwurzelt“ (SWR Kultur). Lesungen mit Alka Saraogi: siehe Lesungen (Lesereise 2024).

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