Geetanjali Shree

Geetanjali Shree Geetanjali Shree Foto: Nicola Pozza

Geetanjali Shree (Gītāñjali Śrī) wurde 1957 in Mainpuri (Uttar Pradesh) geboren und lebt in Delhi. Nach Abschluss eines Studiums der Geschichte veröffentlichte sie unter ihrem eigentlichen Namen Geetanjali Pandey auf Englisch mehrere Studien zur Rolle von Literaten und Intellektuellen in der indischen Unabhängigkeitsbewegung.

Unter dem Autorennamen Geetanjali Shree schreibt sie Romane und Erzählungen in Hindi, ihrer Muttersprache. 2022 erhielt sie als erste Hindi-Autorin den International Booker Prize für ihren Roman ret samadhi (englisch Tomb of Sand).

Werk

Von Anfang an war Geetanjali Shree stark dem Theater verbunden. Sie verfasste Skripte für die Theatergruppe Vivaldi in Delhi, adaptierte Prosatexte aus Indien, aber auch aus anderen Kulturregionen für die Bühne, am bekanntesten Hadi Ruswas Urdu-Klassiker Umrao Jaan Ada (auf Deutsch bekannt als „Die Kurtisane von Lakhnau“, Manesse Verlag 1971). Ein Schwerpunktthema ihrer Theaterarbeit sind die erzwungenen oder freiwillig übernommenen Rollenmuster der Frauen.

Als Autorin von Erzählungen und Kurzgeschichten beweist Geetanjali Shree gute Beobachtungsgabe, psychologische Einfühlung, Ironie und Humor. Bisher veröffentlichte sie fünf Bände von Erzählungen. Eine Auswahl davon erschien auf Deutsch unter dem Titel „Weißer Hibiskus“ (Draupadi Verlag 2010).

Am bekanntesten wurde sie durch ihre Romane. Ihr erster Roman Mai (Mutter) setzt sich auf paradigmatische Weise mit den traditionellen Rollen auseinander, die eine indische Familie der Mittelklasse vor dem Hintergrund moderner gesellschaftlicher, vor allem westlicher Entwicklungen der Gleichheit von Geschlechtern und Klassen, insbesondere den Frauen zuteilt. Die Mutter, Mai, mit der stillen Kraft, die von ihrer Bescheidenheit ausgeht, fordert ihre modern eingestellten Kinder unablässig heraus und stellt damit alle Stereotypen in der Frage Tradition versus Moderne auf den Prüfstand.

Ihr zweiter Roman hamara shahar us baras („Unsere Stadt in jenem Jahr“) nimmt die Konflikte zwischen Hindus und Muslimen in ihren zeitgenössischen Ausprägungen von Ayodhya bis zu den terroristischen Anschlägen in Bombay und in Gujarat ins Visier und thematisiert die tiefe Spaltung der indischen Gesellschaft am Beispiel einer Universität mit ihren Studenten und Lehrern.

In ihrem dritten Roman tirohit („Verborgen“) begibt sie sich von der gesellschaftskritischen und politischen Ebene auf die des Privaten und Persönlichen. In der haus- und wohnungsübergreifenden Sphäre eines Flachdaches finden zwei Frauen über alle Familienrollen hinweg in ihren Begegnungen und Gesprächen einen Weg zueinander – ein wiederkehrendes Anliegen der Autorin, die der Frau in der Männerwelt stets einen besonderen Platz einräumt.

Der vierte Roman khali jagah („Im leeren Raum“) behandelt, auch in der Folge sich verdichtender terroristischer Anschläge in Indien und der Welt von heute, aber auch als Reaktion auf einen konkreten Anschlag in ihrem Freundeskreis, mit der brutalen Gewalt, die in dem plötzlichen Tod ihrer Opfer jedes Gespräch über Lebensläufe, Zukunftspläne oder Wurzeln verstummen lässt. In einem Universitätscafé explodiert eine Bombe und tötet neunzehn junge Menschen. Ein achtzehnjähriger Student stirbt, ein dreijähriger Junge überlebt wie durch ein Wunder und wird von den Eltern des Getöteten spontan adoptiert. In ihrem Schmerz sehen sie im heranwachsenden Jungen stets nur die Identität des verlorenen Sohnes und versagen ihm in ihrem Verlust sein eigenes Leben, seine Träume und persönlichen Lebenserfahrungen.

Der fünfte Roman ret samadhi („Sand-Meditationen“) erreicht eine neue Komplexität. Hier werden ständig Grenzen überschritten. Von einer Familiengeschichte ausgehend, führen unerwartete Ereignisse immer wieder zu Überschreitungen, jene von akzeptierten Normen zwischen den Geschlechtern, Grenzen zwischen der belebten und unbelebten Natur und des Hörbaren an Türen oder in Straßen. Die Realität verliert sich in den fließenden Formen des Treibsands.

Georg Lechner

Auf Deutsch erschienen

Geetanjali Shree gehört zu den meistübersetzten zeitgenössischen Hindi-Autorinnen. Seit 1990 erschienen in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften einzelne Erzählungen in deutscher Übersetzung. Als selbständige Bücher liegen vor:

  • Mai (Roman, Draupadi Verlag 2010)
  • Weißer Hibiskus (Erzählungen, Draupadi Verlag 2010)
  • Unsere Stadt in jenem Jahr (Roman, Draupadi Verlag 2013)
  • Im leeren Raum (Roman, Lotos Werkstatt 2018)

Leseproben

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