O.N.V. Kurup

Zur Person

O.N.V. Kurup O.N.V. Kurup Foto: H.-J. Findeis

Ottaplackal Nambiyadikkal Nilakantha Velu Kurup (meist nur O.N.V. genannt) ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Dichter Indiens. Leser und Literaten würdigen ihn als eine führende Stimme und einen der bedeutendsten Lyriker und Essayisten der klassischen Moderne der Gegenwartsliteratur in Malayalam (die offizielle Sprache des Bundesstaats Kerala und des Unionsterritoriums Lakshadweep). Gewürdigt als „Humanist unter Dichtern und Dichter unter Humanisten“ (Satchidanandan), wurde O.N.V. vielfach national und international ausgezeichnet (z.B. mit dem höchsten Literaturpreis Indiens Jnanapitham 2007 und der Puschkin-Medaille Russlands 2015). Er gehört zur progressiven Dichterbewegung Indiens und ist deren Repräsentant in Kerala.

O.N.V. Kurup wurde am 27. Mai 1931 in dem Dorf Chavara in Kollam (Quilon) an der Westküste Keralas geboren. Eingeführt in Sanskrit und Malayalam wurde er von seinem geliebten Vater, den er mit 8 Jahren verlor. Er wuchs bei seiner Mutter in ihrer Familie auf. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften (in Kollam) und der Malayalam-Literatur (in Thiruvananthapuram) war er von 1957 bis 1986 als Dozent und Professor an mehreren Colleges und Universitäten Keralas tätig. Er lebte mit seiner Frau und zwei Kindern in Thiruvananthapuram, der Hauptstadt Keralas, wo er am 13. Februar 2016 84-jährig starb. Er wurde geehrt durch eine feierliche Staatsbestattung.

Werke

Kurup hinterließ 35 Gedichtbände, außerdem Reden, Essays und eine große Menge Filmlyrik. Eine repräsentative Sammlung seiner Gedichte enthält der 1624 Seiten starke Band O.N. Vyute Kavithakal Oru bruhatsamaharam, 1946–2010, D.C. Books, Kottayam 2001/2011. Es ist ein eindrucksvolles Zeugnis seines kreativen Schaffens. Drei Phasen lassen sich in der Entwicklung seiner Gedichte erkennen: die frühe marxistisch-kommunistisch-revolutionäre Phase; die zweite umfasst die durch Erlebnis reifer gewordene, unterscheidungsfähige schöpferische Zeit; die dritte: im Rückblick reflektierend bekennt er sich zur Größe der Menschlichkeit und der großen Idee des Humanismus, ohne jedoch das kulturelle und religiöse Erbe Indiens aufzugeben.

Seine frühen revolutionären Gedichte (1946–1956) sind in dem Gedichtband Dahikkunna Panapatram („Durstender Kelch“, 1981) zusammengestellt, z.B. Arivalum Rakkuyilum, d.h. „Sichel und nächtlicher Singvogel“, Mattuvin Chattangale, d.h. „Verändert alte Ordnungen“. Kurups Enttäuschung über den Überfall des kommunistischen China auf das neutrale Indien im Jahr 1962 und sein gescheiterter Versuch einer Kandidatur für die Parlamentswahlen 1989 tragen dazu bei, dass seine späteren Werke kritischer und nachdenklicher werden.

Klassische Stoffe werden verfremdet, um gegenwärtigen Konflikten und gesellschaftlichen Problemen der Menschen Gestalt zu geben. Eine moderne reflektive Haltung und psychologisches Feingefühl verbinden sich in seinem Werk Bhumikkoru Charamagitam („Ein Requiem für die Erde“, 1984). Es ist ein Klagelied über die Schändung der Mutter Erde bzw. der Natur, ein Zeugnis seines ökologischen Bewusstseins und erweiterten poetischen Humanismus. Das Gedicht bleibt als die unsterbliche Stimme der damals erfolgreichen Ökobewegung bzw. des effektiven umweltpolitischen Engagements in Kerala. Die Metapher der Erde steht dabei auch für die Frau und den weiblichen Körper.

Das revolutionäre Feuer der frühen Gedichte wird in Suryagitam („Sonnengesang“, 1984) zur befreienden Gegenwart der Sonne des poetischen Wortes. Die beiden Gedichte Ein Requiem für die Erde und Sonnengesang markieren den Höhepunkt von Kurups Schaffen. Diese zwei „Leuchten für die Weltliteratur“ sind in viele Sprachen Indiens und des Auslands (darunter auch ins Deutsche, siehe in: Ein Tropfen Licht, S. 23–29, 48–51) übersetzt worden. Das epische Gedicht Ujjaini (1994) greift die Biographie des Sanskrit-Dichters Kalidasa auf.

Swayamvaram („Freie Gattenwahl“, 1995), ebenfalls ein episches Gedicht, ist den Frauen Indiens gewidmet. Kurup bietet in diesem Gedicht eine kritische, furchtlose Diagnose der indischen Männergesellschaft, eine gewagte Neu-Interpretation einer Episode aus dem Epos Mahabharatha.

Große Popularität genießen auch O.N.V.'s zahlreiche lyrische Filmlieder.

Musikalität und Rhythmus liegen fast all seinen Gedichten zugrunde. Daher legte Kurup großen Wert auf die Rezitation seiner Gedichte.

O.N.V. Kurup besuchte mehrmals Deutschland, hielt Dichterlesungen u.a. an der Universität Bonn, im Tagore Institut Berlin, an den Universitäten Köln und Heidelberg. Auch präsentierte er seine Dichtung in zahlreichen Ländern West- und Ost-Europas, Asiens und in den USA.

Annakutty Valiamangalam K.-Findeis

In deutscher Übersetzung

  • Ein Tropfen Licht. Gedichte, herausgegeben und aus dem Malayalam ins Deutsche übersetzt von Annakutty Valiamangalam K.-Findeis, Draupadi Verlag 2012

Weitere Artikel

  • A.V.K. Findeis, „O.N.V. Kurup“, in: Kindlers Neues Literatur Lexikon. Supplement 21, A–K. München 1998, S. 772–774
  • Dies., „O.N.V. Kurup und seine Dichtung“. In: Meine Welt, Heft 2/12, Dezember 1995, S. 7 (Übersetzung: Aksharam). Die Meine-Welt-Ausgabe zum Herunterladen (PDF)
  • Andreas Weiland, „K. Satchidanandan und O.N.V. Kurup: Zwei Generationen und zwei Varianten engagierter indischer Dichtung“, in ORIENTIERUNGEN: Zeitschrift zur Kultur Asiens 28 (2016), S. 309–316

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